Alte Bekannte – neue Klänge!

Ernst Schultz feiert seinen 60. Geburtstag mit dem Gitarristen Holger Stamm und einer gemeinsamen ersten CD-Produktion.

Jede Stadt hat ihren Rock-Adel und Nürnberg erst recht, schließlich feierte die ehemals Freie Deutsche Reichsstadt kürzlich ihr 950-Jähriges Jubiläum. Ganz so lange ist Ernst Schultz als Musiker nicht unterwegs, doch seine Anfänge liegen Anfang der 60er Jahre, als er, gerade in Nürnberg eingetroffen, eine Skiffle-Band gründete und sich durch das Beispiel der Blizzards – später Improved Sounds Limited – zum Beat bekehren ließ.


In Paris lernte er zufällig Sonny Hennig kennen, der damals mit den folk-orientierten Sidewalk Singers erste musikalische Schritte versuchte, und das führte 1963 zur Gründung der wohl legendärsten Nürnberger Beat-Band, Jonah & The Whales, zu einem Plattenvertrag und zu einer Single. Die Popularität des Quintetts um Hennig und Schultz in Nürnberg kann man daran ablesen, dass It’s Great / It Ain’t Me Babe 1966 alleine in Nürnberg 5.000 Stück verkaufte. Eine weitere Single wurde zwar produziert, dämlicherweise aber auf einem Sampler mit dem spießigen Titel „Der deutsche Nachwuchs stellt sich vor“ untergebracht. Das war es dann auch schon mit Jonas und seinen Walen, weil gerade der Streit mit dem echten Jonas (Porst) die Band zerbröselte. Alle 4 Titel sollen übrigens demnächst wiederveröffentlicht werden.
Mirakulöserweise wieder unter den Fittichen von Jonas Porst gründete Sonny Hennig 1969 Ihre Kinder, die im Unterschied zu quasi allen anderen Bands die deutsche Sprache als Medium für ihre Musik entdeckten. Doch die erste, gleichnamige LP floppte und so kam Sonny auf den Gedanken, den alten Partner zu reaktivieren, weswegen 1970 bei der zweiten LP „Leere Hände“ Ernst Schultz wieder auf der Matte stand. Bis heute kann man sich dieses Werk gut anhören. Dennoch hielt sich der kommerzielle Erfolg in Grenzen, trotz bis zu 150 Live-Konzerten pro Jahr, Support-Gigs für Alexis Korner, Family und Ginger Baker’s Airforce und eines Auftritts bei Dietmar Schönherr’s Fernsehshow „Wünsch dir was“, die damals ebenso Anstoß erregte wie viele Lieder der Nürnberger.

„... das erste Mal, dass ich mit Musik wirklich Geld verdient habe.“ (Ernst Schultz)

War es der fehlende Erfolg oder, wie Ernst Schultz es in einem Interview ausgedrückt hat, „eine Mischung aus allen persönlichen, beruflichen Bereichen. Sonny und ich hatten gerade geheiratet, waren Väter geworden und einige in der Band standen zwischen Berufsausbildung und Musik.“ Dazu kamen die berühmten musikalischen Probleme: Während Schultz und Hennig als Songschreiber Musik und Texte so griffig wie möglich an den Hörer bringen wollten, zogen es andere Mitmusiker vor, progressiver zu agieren – und das bedeutete Anfang der 70er entweder Zappa oder Jazz. Auf jeden Fall zerrieb man sich und löste sich auf.
Für Ernst Schultz bedeutete das zunächst eine Solo-Karriere, aus der sich 1972 das Album „Paranoia Picknick“ und eine LP plus Tour mit dem Austro-Kanadier Jack Grunsky und dem Wiener Gitarristen Theo Bina ergaben, bei der Schultz den deutschsprachigen Teil des Programms lieferte. Immerhin meldete er sich danach noch zweimal als Solist zu Wort & Ton: 1977 mit „Irgendsoein Lied“ auf Porst’s Erlkönig Label und 1981 mit „Glückliche Verlierer“ als Major Deal bei Ariola, von Stefan Waggershausen produziert, für den Ernst Schultz etliche Songs geschrieben hatte – „... das erste Mal, dass ich mit Musik wirklich Geld verdient habe.“
Doch seine Karriere als Profimusiker war vorbei, dafür nicht die von Ihre Kinder: Nach einem Intermezzo als Meistersinger & Ihre Kinder – der Namenszusatz bedingt durch vertragliche Probleme mit Jonas Porst – ergab sich zunächst 1981 eine Reunion in einem Konzert, als die bundesweit Aufsehen erregende Aktion der Komm-Verhaftungen und des Verbots der Stadtzeitung Plärrer ein Benefiz-Konzert erforderte und tatsächlich plötzlich die Originale vor ca. 8.000 Leuten wieder auf der Bühne standen. Ein Jahr später entstand die Live-Platte Live ’82. Das sollte noch nicht alles sein: 1984 setzten sich Sonny Hennig und Ernst Schultz noch einmal zusammen, und so kam 1984 „Ihre Kinder – Heute“ bei Virgin auf den Markt. Ein Album, das trotz guter Texte und modernisierter Musik floppte. Folglich ging man nach einer letzten Tour 1985 auseinander. Abgesehen von einem letzten Gig, zum Bardentreffen 2000 im Nürnberger Burggraben, an den bis heute diejenigen, die damals dabei waren, mit feuchten Augen denken, war es das dann.
Für Ernst Schultz hieß das, sich zunächst einmal um sein Grafik-Büro zu kümmern und zum anderen Ende der 80er mit Kaminsky United Art-Rock zu machen. Die Musik wurde jedoch so komplex und kompliziert, dass sie live kaum mehr aufzuführen war, und so verließ Schultz 1992 wieder die Band.

„... und haben dann im Urwald oder am Meer mit kleinem Instrumentarium Sessions aufgenommen.“ (Holger Stamm)

Immerhin traf Schultz dort den Gitarristen Holger Stamm, der seine Anfänge in der Kulmbacher Szene bei den Vampires hatte, wo er in den 70er Jahren erste Erfolge feierte, ehe er beim King Crimson-Chef Robert Fripp für 3 Jahre zum Guitar Crafty wurde. Vorübergehend trennten sich die Wege von Schultz und Stamm: Während Letzterer mit Kaminsky United 1995 die privat produzierte CD ‚Home’ veröffentlichte, ging Schultz zur Livemusik zurück und widmete sich „zum Spaß“ der Coverband Johnny Glizzer & der blanke Neid, bei der sich die Zwei auch wieder trafen. 1997 verließ Stamm die Coverband um dann später mit der Nürnberger Formation No Drums zusammen zu arbeiten. Doch noch zuvor hatten sich die beiden versprochen, irgendwann mal „etwas Eigenes“ zusammen zu machen und das nahm 2001 konkrete Züge an, als man im Frühjahr einen gemeinsamen Urlaub in Thailand unternahm. Holger Stamm: „Wir haben uns da Motorräder gemietet, sind durch die Pampa gefahren und haben dann im Urwald oder am Meer mit kleinem Instrumentarium Sessions aufgenommen.“ Zurück in Deutschland wurde das Ergebnis dann professionell überarbeitet, Instrumentaltracks ebenso hinzugefügt wie Texte. Am Ende waren es über 2 Jahre, die in das Projekt eingeflossen waren. Holger Stamm: „Die Sessions haben wir eigentlich nur aus Spaß an der Freude gemacht. Anfänglich war an eine kommerzielle Veröffentlichung überhaupt nicht gedacht: Es sollte eine Art Reisetagebuch für Freunde und Bekannte werden, deswegen liegt dem CD-Booklet auch ein solches bei.“
Das führte zu einem ganz neuen Nebeneinander von Song-Strukturen, Umweltgeräuschen, Blues, Rock, Jazz und Weltmusik, was durchaus beabsichtigt war, oder, in den Worten von Holger Stamm „es wurde zu meditativer, atmosphärischer Film-Musik, einem Hörfilm.“
Ernst Schultz: „Was dann doch passiert ist, war, dass nachträglich Ideen zu Texten entstanden, diesmal in englisch, weil es zum ersten Mal ein internationales Produkt ist und von METArecords/Berlin auch international veröffentlicht wird.“ Wer es unter dem Namen Ernst Schultz sucht, wird es hier sicher finden, aber sowohl Gruppen-Name als auch CD-Titel entspringen eher thailändischen Einflüssen: Schultz & Stamm präsentieren sich selbst als A. Roy Dee & Leo „Pop“ Gun, wobei der Gruppen-Name Teil 1 „es schmeckt gut“, Teil 2 „tschüs bis später“ heißt und der Plattentitel Go Lep-Lai-Lai aus der Antwort eines thailändischen Mönchs auf die Frage nach einem Busbahnhof entstand und letztlich „Geh links und dann rechts, rechts!“ bedeutet. Der Einfluss Thailands geht noch weiter: Das Cover entstand in Anlehnung an das in Thailand enorm populäre Puppen-Schattenspiel-Theater, von dem die Figur des Mr. Teng entlehnt wurde, die mit dem Kasper der deutschen Puppenspiele verglichen werden kann.
Erfreulich ist in jedem Fall, dass Live-Konzerte als Duo geplant sind, sowohl mit musikalischen Gästen als auch mit literarischen Zutaten. Die Zukunft könnte „lep-lai-lai“ oder auch noch in viele andere Richtungen gehen.

Martin Reicholdt

(Quelle: Zentralnerv-Ausgabe 108)