Kinder Unserer Zeit

Kinder Unserer Zeit:
Gerüchte, Morddrohungen und Tatsache eines neuen Lebenszeichens
(Portrait einer gebeutelten Band)



Die Kinder Unserer Zeit haben, das kann man getrost behaupten, in ihrer neunjährigen Bandgeschichte schon eine Menge Staub aufgewirbelt. Das liegt keinesfalls an den vielen Umbesetzungen, die die Band um Börnd Nützl durchleben musste, sondern vielmehr, an dem was die Band, zumindest in Vergangenheit an Liedgut produzierte. Für die Gerüchteküche haben sie jedenfalls immer auch selbst Munition geliefert. Ein Gerücht, das sich im letzten Jahr hat halten können, ist, dass die Gruppe sich längst aufgelöst hat. Aber wie Gerüchte halt sind, nichts ist dran wahr, oder doch? Dass die Band mit dem neuen Line-Up, Börnd Nützl (voc, g), Michl Ehnes (g), Jo Zaar (b, voc) und Georg Steinmaier (dr) wohl im April im Fünfeckturm ihre neue EP vorstellen wird, mit neuem musikalischem Konzept natürlich, das ist kein Gerücht. Deshalb wollen wir hier der Gerüchteküche mit Facts entgegentreten.

Zunächst stellt sich aber die Frage nach dem Bandnamen. Für Bandgründer Börnd gibt es da mehrere Punkte. „Ich habe schon immer deutsche Texte gehört und es hängt auch mit dem Bezug zu Nürnbergs Rockpionieren Ihre Kinder zusammen“. Ihre Kinder fassen für ihn sein musikalisches Verständnis zusammen und prägten ihn. „Obwohl sie keinen Einfluss auf mich haben, ist es doch für mich als Nürnberger eine Gruppe gewesen, die eine gewisse Huldigung verdient hat, zudem er auch zu Ernst Schultz eine private Beziehung pflegt, meint er.

Eine andere Frage ist, weshalb es um die Kinder Unserer Zeit immer wieder Gerüchte gab. Natürlich ist daran sein berufliches Engagement im Palmengarten mit schuld oder seine Tätigkeit für die mittlerweile sehr aktive Keimzelle, die für Nürnberger Bands wie Jaboon das Booking erledigt. Ein Hauptgrund war aber die Veröffentlichung eines Liedtextes im November 2002 mit dem bezeichneten Titel „Liste meiner Feinde“. Mit dem Text hat der Songwriter nicht nur viel Staub aufgewirbelt, sondern auch Morddrohungen eingefahren. „Wenn ich so überlege, was in den letzten Jahren alles passiert ist, dann muss ich glücklich sein, dass ich noch da bin“, sagt er doch durchaus etwas gedrückt. Die Band mit Markus Mattern am Schlagzeug und Wolfi am Bass, der heute bei Circus engagiert ist, ging zu dieser Zeit in die Brüche.

„Jo war ein Glücksgriff“ (Börnd Nützl)

Fast am Ende mit dem ganzen Latein, kommt prompt vor einem Jahr die Wende, der Neuanfang, neuer Schwung und die längst ersehnte Aufbruchstimmung. Personalisiert heißt das: Jo Zaar von No Expectations, für den Kinder Unserer Zeit sein neues Sideprojekt zu den Expectations ist und der Trommler Georg Steinmaier sind neue Motivation. „Michl kann seine fetzige, fette und kratzige Gitarre nun auf ein grooviges, funkiges Rhythmusduo setzen und mit den beiden Stimmen von Börnd und Jo entsteht dann eine tanzbare, spaßige Partymischung, bei der die Texte auch mal flacher und lustiger sein dürfen, als man bis dato von den Kindern gewohnt war“, umreißt der Drummer die neue musikalische Ausrichtung.

Trotzdem gibt es auf der zunächst als EP ausgelegten Scheibe (man will sich möglichst viele Live-Gigs sichern und ein Label finden) auch Themen, die unter dem Einfluss des letzten, für die Band überaus produktiven Jahres, entstanden. So der Song „Kriegsbericht“. Börnd schrieb den Text genau an dem Tag, als die ersten Bomben auf Bagdad fielen, wobei ihm besonders die Art der Berichterstattung, das Gefühl verarscht zu werden, beklemmte.

„Es kam mir vor wie der Silvestercountdown, als ich durch die Sender zappte und feststellen musste, wie alle nun ihre Kameras auf die Einschläge ausgerichtet hatten“ (Börnd Nützl)

Bei der Auswahl der Songs, die man im Studio der Cultfactory eingespielt hat, hat man sehr genau darauf geachtet, was denn wirklich auf die Platte soll. Live kann die Gruppe auf ca. 50 Titel zurückgreifen, 25 werden ins Tourprogramm genommen und vor Publikum getestet. Für die Platte bleiben dann 12 Stücke, aber nur 6 befand die Band dann wirklich CD-tauglich. Zudem hat man erst ein Vorabdemo produziert und dann erst die Guidespur step by step für die eigentliche Produktion verwendet. Auf die Quintessenz muss man warten. Es wird sich zeigen, ob das 9. Jahr der Bandgeschichte ein Jahr der Gerüchte wird, oder ob der Durchbruch gelingt.

Rick Roth

(Quelle: Zentralnerv Ausgabe 110)