Die Negerländer

Die Negerländer konzertieren seit vielen Jahren im Bereich Jazz/Avantgarde/Neue Musik mit außergewöhnlichen Besetzungen und Konzepten und lassen sich schwer in eine bestimmte musikalische Schublade einordnen. Das Programm besteht fast ausschließlich aus Eigenkompositionen, bei denen sich leidenschaftliche Improvisation und ausgefeilte, gewitzte Arrangements die Waage halten. Durch die Bandbreite des eingesetzten Instrumentariums entstehen dichte kollektive Klangbilder, die von meditativer Intensität bis zu tanzbarem „Groove“ reichen. Da die Besetzung der Band bewusst ohne Harmonieinstrument wie Piano oder Gitarre angelegt ist, ergab sich von Anfang an eine unverwechselbare Art zu komponieren und zu improvisieren.

Was die drei Saxophonisten und der Schlagzeuger/Perkussionist abliefern, spottet eigentlich jeder Beschreibung: Vom lyrisch durcharrangierten dreistimmigen Satz bis zu absolut freier Improvisation ist da alles zu hören, was das musikalische Ohr begehrt – und zwar in höchster Vollendung und Virtuosität. Dabei ist die Klangfülle der Sopraninos, Sopran-, Tenor- und Baritonsaxophone und der (Bass)Klarinetten schier unendlich, vor allem, wenn sie in solch klugem Kalkül eingesetzt wird, wie es die Negerländer tun. Dynamik vom Flüsterton bis zum Schrei (übrigens ohne jegliche elektrische Verstärkung), jähe Abbrüche, treiben die Spannung auf die Spitze. Die schmeichelnde bis ruppige Harmonik wird von einer Fülle melodischer Einfälle umspielt, arabische Tonleitern sind da zu hören oder Klezmermusik. Balkanirrwische geistern luftig und feenhaft über Primzahlenrhythmen und ergeben ein blitzblankes Gesamtbild: denn Heinz Grobmeier, Norbert Vollath, Bertl Wenzl und der mit allen Wassern gewaschene Drummer Roland HH Bisswurm sind absolut gleichwertige Virtuosen und machen den Zuhörer geradezu süchtig nach mehr. Dabei ist die Musik lustig, überraschend für Augen und Ohren und im Ganzen einfach umwerfend.
Aber auch mit anderen Besonderheiten hält das Quartett seine Zuhörer in Atem. Da bringt nicht nur der mit unterschiedlichsten Utensilien bepackte Bisswurm Farbe ins Spiel, der zum Beispiel zu einem hinreißend duftigen Arrangement eines Tanzes aus der Oper „Orpheus in der Unterwelt“ (Chr. W. von Gluck) Gedichte vorträgt - selbst verfasst versteht sich und in hohem Maße dadaistisch angehaucht - oder mit blauen Badeschlappen auf drei gestimmten Plastikröhren einen 10/8tel-Takt intoniert. Zwei Orgelpfeifen im Quartabstand - von Bert Wenzl geblasen - dienen als Bordun unter einem Klangteppich, den Heinz Grobmeier auf der Sufi-Quetschkommode legt, über dem wiederum Norbert Vollath auf dem Sopransaxophon in aberwitzigem Tempo und mit Zirkulartechnik absolut frei intoniert.
Überhaupt haben die vier die Begabung, ihre Zuhörerschaft ständig auf Spannung zu halten – wunderschön harmonische, volksmusikartige Musikschnipsel wechseln ab mit atonalen, chaotisch anmutenden Parts, die aber wie von Zauberhand immer genau auf den rhythmischen, melodischen und harmonischen Punkt kommen – hier sind vier wahrhaft gleichberechtigte Virtuosen am Werk, deren musikalische Ideen in alle Richtungen sprühen und funkeln.
Golly

(Quelle: Zentralnerv-Ausgabe 113)