Alannah Miles

Arrival am Christkindlesmarkt

Mit Back Velvet war die kanadische Sängerin über Nacht zum Superstar avanciert. Persönlich brachte sie der Welterfolg in die psychische Krise, die erst jetzt mit dem neuen Album „Arrival“ überstanden ist. Mit der adretten, vor Selbstbewußtsein strotzenden Powerfrau unterhielt sich Rick Roth über Privilegien, Prominente und Perspektiven. Dabei entpuppte sie sich auch als Fan des Nürnberger Christkindlesmarktes…


„Nun muss Mann / Frau mir folgen“


gesteht sie gleich zu Beginn des Gespräches und untermauert damit den Neuanfang ihrer Künstler- und Privatkarriere. Mit dem neuen Album „Arrival", das sie ganz allein mit einer kleinen Crew, der sie persönlich vertrauen kann, produzierte, ist sie angekommen. Damit meint sie einen Punkt in ihrem Leben, wo sie die Selbstkontrolle ausübt, wo sie ihr persönliches und geschäftliches Umfeld wieder kontrollieren kann, wo sie einen Status erreicht hat, der ihr Halt gibt.„Meine erfolgreichste Zeit, eben die Zeit, als „Black Velvet" überall auf dem Globus aus den Speakern dröhnte, war meine persönlich leidvollste.

Ich war dem Selbstmord nahe

Mit Geld kann man kein Glück kaufen. „lch war dem Selbstmord nahe. lch wußte nicht mehr, wer Freund oder Feind war. Der Erfolg brach mir das Herz", gesteht sie rückblickend. Der Erfolg, der sie so einsam machte, soll nun zurückkehren.„Ich verdränge alle negativen Aspekte und gestehe mir zu, dass ich nicht nur eine Frau bin, die nett lächelt und ein schönes Gesicht hat. Ich habe Erfahrungen gemacht, die stark machen. Weder Lady Di, noch Michael Hutchence hätten sterben müssen. Ich habe rechtzeitig die Kurve gekratzt und gesagt, so geht es nicht weiter!" Damit sie überhaupt wieder auf die Beine kam, mußte sie sich von Leuten trennen, die ihr negative Gefühle gaben, die sie runterzogen. Mit der neuen Produktion sagt sie, habe sie die Verantwortung für alles übernommen. Natürlich setzt sie sich mit den eigenen Ideen, auch mit Kollegenlnnen auseinander, aber die Entscheidung trifft sie dann doch allein.„Ich manage mich selbst und habe ein gutes Team!" Auf die Frage, woher die Ideen kommen, antwortet sie: „Die Landschaft Deutschlands ist poetisch und inspiriert mich. Aber auch Alanis Morisette. Sie machte mich mit ihrem Erfolg eifersüchtig und forderte mich heraus. Es ist eine question of challenge! Ich brauche eine Herausforderung".

Ich respektiere Einflüsse

Im Gegensatz zu Künstlern, die sich gerne als originäre Schaffenspotentielle darstellen und in ihren Credits gerne Einflüsse verschweigen, gesteht sie, dass es keine Schand ist, wenn man Einflüsse zugibt. „Ich bewundere Mick Jagger und David Bowie. Zucherro ist ein grandioser Sänger! Ich höre auch gerne die Platten von Crosby, Stills, Nash & Young, oder von Joni Mitchell. Habe damit keineProbleme. Das heißt ja nicht, dass ich nicht experimentiere. Aber ich will fair sein! Schließlich muss ich ja von der gewaltigen weiblichen Konkurrenz, die derzeit die Charts stürmt, keine Angst haben. Ich kann meine weibliche Attitude kalkuliert einsetzen. Ich bin kein Popmäuschen mehr, sondern eine Blues- und Rockstimme, die eigene Songs kreieren kann.

Ich will weiterleben

Als Wendepunkt in ihrem Leben sieht sie die Tatsache an, dass sie nunmehr auf ihre eigene Sensibilität für Gefühle baut. „Ich schreibe Songs für mich selbst, insofern ist es eben nicht mehr ein Job, sondern Spass, mit dem ich Brücken bauen kann.“ Dass Black Velvet ihr Privilegien verschafft hat, diesenWeg einzuschlagen, ist ihr bewußt. Für sie ist das Leben voller Poesie, das sie mit den Waffen einer Frau meistert. Deshalb arbeitet sie schon an einem Lyrikbuch. Man darf gespannt sein, welche Assoziationen der Christkindlesmarkt geweckt hat.

Rick Roth

(Quelle: Zentralnerv Ausgabe 81)