Charming Prophets

In all dem unübersichtlichen Konglomerat aus Lokalbands und -projekten aus der Region Nürnberg taucht für den Interessierten in regelmäßigen Abständen immer wieder ein Name auf. Gemeint ist der der Charming Prophets, die seit fast fünf Jahren eifrig und beständig an ihrer musikalischen Vision des selbstbetitelten "Pop-Noise" werkeln. Im Moment weist einiges darauf hin, dass sich Jugendträume verdichten und am Jetzt Früchte baumeln, die nach langer Arbeit gereift zu sein scheinen und zumindest einen süßlichen Duft ausströmen. Nicht um über die Problematik des Sündenfalls im Paradies zu philosophieren, sondern für eine kurze Bestandsaufnahme in Sachen Charming Prophets traf ich mich mit Betty Mugler (Gesang, Keyboards), Martin Neft (Gesang, Gitarre) und Andi Götz (Schlagzeug).

Als erstes berichtet mir Martin, dass die Gruppe in der jetzigen Besetzung, zu der noch Andy Necker am Bass zählt, schon seit Februar 1992 existiert, nachdem er und Andi schon vorher in einer Formation namens Just Three gemeinsam musiziert hatten. Obwohl die Bandmitglieder mittlerweile über Nürnberg, Bamberg und Ingolstadt verstreut leben, treffe man sich heute wie damals noch immer am Wochenende in Amberg, um dort satte drei mal ihren Proberaum als Ideenwerkstätte zu nutzen und an neuen Songs zu basteln, doch es geht um mehr: "Ich glaube, was uns auch von vielen anderen Bands unterscheidet, ist die Tatsache, dass wir nicht nur musikalisch, sondern auch privat die gleichen Interessen haben. Wie es in einer Freundschaft üblich ist, gehen wir auch oft zusammen weg und unternehmen viel gemeinsam.", erklärt wiederum Martin. Wenn man schon so lange gemeinsam Musik macht, drängt sich einem der Gedanke auf, ob das Charming Prophets-Raumschiff in dieser Zeit nicht auch einmal vom Kurs abkam und aufgrund menschlicher oder musikalischer Differenzen zu kollidieren drohte. Die musikalische Komponente hat sich schnell erledigt: alle vier fühlen sich hauptsächlich zu dem hingezogen, was man im weitesten Sinne als gitarrenlastigen Indie bezeichnen könnte, das heißt es treffen also keine vier Extremgeschmücke aufeinander. Unter solchen Umständen könne man ja auch keine Musik zusammen machen, meint Andi. Was das menschliche angeht, so holt er weiter aus: "Ich denke, die Punkte wo man sich sagt: „jetzt reicht's mir“ kommen immer mal wieder vor, doch wie man sehen kann hat sich glücklicherweise keine dieser Ausnahmesituationen erfüllt. Das liegt auch an der Kontinuität, mit der wir arbeiten. Wenn du siehst, wie wir angefangen haben, sei es ein Demotape im Studio aufgenommen, oder selber eine kleine Tour gebooked, dann ein zweites Demo aufgenommen, wieder mehr live gespielt und uns um Presse gekümmert um schließlich die aktuelle CD aufzunehmen, dann wirst du bemerken, dass es für die Band nie einen Schritt zurück, sondern immer einen nach vorne bedeutet hat. Wir sind auch eine Band, die das braucht. Es gibt ja einige Musiker, die behaupten, dass sie keine Anerkennung benötigen, aber das nehme ich fast niemandem ab. Wenn jemand so etwas sagt, denke ich, dass er das Ganze auf den Proberaum beschränken kann ohne irgendwelche Liveauftritte." Durch ihre Freundschaft hätten sie einfach den Vorteil, dass sie alles besprechen könnten, um dann in einem selten auftauchenden Streitfall einen Konsens zu finden, ergänzt Martin noch.

Womit wir schon beim nächsten Thema wären: die Livekonzerte der Charming Prophets. Neben den Supportgeschichten des Quartetts für Bands wie Terry Hoax, Nationalgalerie, Instant Karma und Throw That Beat!, erinnert sich Andi besonders gerne an die Auftritte im KOMM, beispielsweise im Rahmen des Endzeit-Festivals, an dem sie bereits zweimal zur "Prime Time" gastierten und so viele neue Leute auf sich aufmerksam machen konnten. "Wir werden niemals eine Band sein, die auf die Bühne kommt und wenig später das gesamte Publikum zum Tanzen und Toben bringt. Die Musik, die wir machen und hören ist nicht die ultimative Partymusik. Wenn wir wollten, dass das so wäre, müssten wir vermutlich Crossover oder so machen. Wir wollen einfach das Gefühl haben, die Leute erreicht zu haben. Das kann sich auch so äußern, dass einer aus dem Publikum während eines Songs regungslos dasteht, danach aber kräftig applaudiert, oder dass die Leute nach einem Gig zu einem kommen und erzählen, die Musik habe ihm/ihr gut gefallen. Dann freuen wir uns und haben das Gefühl, wieder etwas erreicht zu haben."
Das Gefühl, etwas erreicht zu haben, hat die Band speziell im letzten Jahr sicherlich öfters gehabt: im Februar '96 beendete sie im "Separate Sound"-Studio zu Erlangen unter der Regie von Christoph Beyerlein und Creepy Crawl-Sänger und Gitarristen Red (nach dem das Machwerk auch getauft wurde) die Aufnahmen zu ihrer 6 Songs umfassenden CD. Auf diesen Silberling haben die Prophets alles gepackt, was sie an Erfahrung und Spielstärke im Laufe ihrer langen Bandgeschichte gewonnen haben, vor allem aber das, was sie so "charming" macht: Ob über einen lärmenden Sturm aus schraddelnden Gitarren, wabbernden Orgelteppichen, druckvollem Schlagzeug und schlengelndem Bass, oder über schön reduzierte Windstille emsig ohrenwurmhafte Melodien zu verstreuen: Pop Noise eben.

Es folgten noch eineige jener größeren Schritte, von denen Andi schon sprach. Der WOM hing ihnen die Medaille "Act des Monats" um den Hals und just heimsten sie mit ihrem CD-Opener "She Comet" die höchste jemals vergebene Punktzahl in Demo-Check des Musikmagazins "Soundcheck" ein, eine Rubrik, in der Fachleute Songs von Newcomerbands besprechen. Die Zeichen scheinen also auf Sturm zu stehen und seit kurzem scheint es auch so, als habe die Band nach diversen Negativerlebnissen mit verschiedenen Agenturen und Labels endlich den richtigen Partner gefunden. Andi berichtet: "Rolf von Stickman hat bei uns angerufen. Es war natürlich zunächst einmal eine Ehre, daß solch ein Label auf uns aufmerksam wird aber andererseits waren da ja auch noch unsere teils schlechten Erfahrungen, so dass wir uns sagten ,erst mal langsam mit den Pferden.' Wir haben uns dann eines Abends getroffen und an jenem ging es hauptsächlich um den persönlichen Aspekt. Das hat gut harmoniert und ich glaube es beruht mittlerweile auf Gegenseitigkeit, dass man etwas zusammen machen will. Viele andere Menschen hatten davor zu uns gemeint ,...ja so finden wir das ganz gut, nur wenn ihr noch dies und jenes machen würdet...' und da kommt man ganz schön in die Zwickmühle: wie viel kann ich demjenigen zustimmen ohne die Band zu beschneiden, wie viel ist nicht mehr okay. Dann geht's weiter hin und her, solche Leute wollen dann noch mehr hören und die Stickman-Crew waren die ersten, die gesagt haben: ,Ja, wir finden das genau so okay'."
Die Charming Prophets werden ihre nächste CD nun vermutlich gegen Ende Mai auf dem Tochterlabel Sticksister herausbringen und sie befinden sich in netter Gesellschaft: zu den Veröffentlichungen von Sticksister zählen unter anderem die Notwist-Verehrer Slut aus Ingolstadt, die Nürnberger Band Prime Sinister und die Tausendsassa von Locust Fudge ganz zu schweigen von Motorpsycho, die via Stickman ihre Scheiben veröffentlichen. Nach Erscheinen der CD ist eine Tour in Planung doch zunächst heißt es weitere Liveerfahrung sammeln im Rahmen der Throw That Beat! - Tour, bei der sie an sechs Spielorten (u.a. Nürnberg, Dresden und Bremen) das Vorprogramm bestreiten werden.
Inwieweit habe man sich denn auf so was eingestellt? Ist es zeitlich für keinen in der Band ein Problem, mal eben für eine Woche mit auf Tour zu gehen bzw. nimmt die Musik heute einen höheren Stellenwert als damals ein, was beispielsweise die parallele Berufsplanung des einzelnen angeht? Andi: „Ich glaube sobald du eine Band gründest und dann irgendwann versuchst über deinen lokalen Bekanntheitsgrad hinauszukommen, bist du auch gleichzeitig an dem Punkt, wo du gucken musst, dass du es mit deinen anderen Tätigkeiten vereinbaren kannst. Wenn man das so macht wie wir braucht das Ganze einfach so und so viel Zeit damit es überhaupt funktioniert. Natürlich fällt dir so was ja noch viel leichter, wenn du einen gewissen Erfolg außerhalb erzielst, das heißt in anderen Städten oder wenn deine Platte gut besprochen wird." Martin fügt des weiteren hinzu: „Da einige von uns studieren oder ihren momentanen Verdienst so flexibel gestalten können, wie sie wollen, stellt sich diese Frage eigentlich kaum. Wenn wir die Chance haben, auf Tour zu gehen und ich habe etwas im Rahmen meines Studiums zu tun, so raffe ich das halt entweder ans Ende des Semesters oder verschiebe es auf das folgende. Ich vermute, jedem von uns würde es wahnsinnig gefallen, von und mit der Musik zu leben als diese Band, die wir jetzt sind." Andi: „Wenn einer von uns nicht mehr dabei wäre, wäre es auch nicht mehr diese Band. Es ist nach unserer Auffassung keiner ersetzbar, dazu sind wir alle schon zu arg eingebunden in diese Gruppe." Das zeugt von Geschlossenheit, mit Hilfe derer die Prophets vermutlich noch für viel Wirbel sorgen werden und das nicht nur in dieser Region.

Jedenfalls scheint sich das Charming Prophets-Raumschiff sicherer denn je in der angestrebten Umlaufbahn zu bewegen und wenn es in deiner Nähe andockt, schau mal vorbei und gib' dir eine Prise Pop-Noise dann sind deine Atemwege bald wieder frei und du kehrst wohlgelaunt in deine eigenen Raumkapsel zurück, feine Melodien vor dich hinsummend, während du die Weite der Milchstraße hinter dir lässt...

HS

(Quelle: Zentralnerv Ausgabe 075)