Auf Grund der Nachbarschaft zur „Technologischen Seite“ könnte man hier auch von der „Politischen Seite“ sprechen: Es folgt ein Interview mit der Kulturreferentin der Stadt Nürnberg, Frau Prof. Dr. Julia Lehner.
Frau Prof. Dr. Lehner, Sie sind seit wenigen Monaten Kulturreferentin der Stadt Nürnberg. Welche Eindrücke und Einsichten konnten Sie bisher auf den Bürgerversammlungen und Radtouren durch die Stadt aus dem Blickwinkel der Referentin gewinnen?
Es ist ja nicht so, dass ich „neu“ nach Nürnberg gekommen bin. Durch meine vorherige ehrenamtliche Tätigkeit im Stadtrat und als Mitglied des Kulturausschusses war mir die Nürnberger Kulturszene durchaus auch vor meinem Amtsantritt vertraut. Aber die Perspektive und auch die unmittelbare Nähe hat sich durchaus verändert. Gerade der „KulturSommer“ dieses Jahr mit Klassik OpenAir, Bardentreffen, Stadtteilfesten, vielen Ausstellungen und Lesungen und und hat deutlich gezeigt, welch hohen Stellenwert Kultur für die Menschen in unserer Stadt hat. Kultur ist ein ganz wichtiges Lebenselixier. Dennoch kommen kulturpolitische Themen bei Bürgerversammlungen und Radtouren mehr ins Hintertreffen, da die Anliegen der Bürger „vor Ort“ zumeist anders akzentuiert sind. Hier geht es vorrangig um Belange der Verkehrs-, Wirtschafts-, Umwelt- oder Sozialpolitik.
Frau Lehner, Sie haben sich als Kulturpolitikerin ihrer Partei verstärkt für die Bildende Kunst und die bildenden Künstler eingesetzt. Gibt es seit Amtsantritt neue Akzente, Vorlieben oder Schwerpunkte in der Kulturpolitik oder ihrem Kulturverständnis?
Aufgrund meines bisherigen Engagements für die Bildende Kunst darauf zu schließen, dass nur diese Sparte mir am „Herzen“ liegt, ist verständlich, jedoch ein unzutreffender Umkehrschluss. Kulturpolitik darf niemals allein auf die Vorlieben einer Referentin oder eines Referenten ausgerichtet sein, sie muss sowohl die Kulturentwicklung in den einzelnen Sparten mit ihren Stärken und Schwächen im Blick haben als auch natürlich die Menschen in unserer Stadt, die diese Angebote wahrnehmen sollen. Schwerpunkt meiner Tätigkeit wird deshalb der schwierige Spagat sein, Bewährtes zu erhalten und gleichzeitig Innovationen zu ermöglichen – das Ganze trotz schlechter kommunaler Finanzlage.
Welchen Schwerpunkt hat nach Ihrer Einschätzung die Rock- und Popkultur und die Jugendszene mit ihren vielfältigen Ausdrucksformen?
Jugendkultur in ihren verschiedenen Ausprägungs- und Darstellungsformen kann – und das hat die kulturelle Entwicklung Nürnbergs schon oft gezeigt – ein ganz wichtiger Motor für Innovationen im Kultursektor sein. Auch zukünftig gilt es deshalb, gerade die innovativen Elemente weiter zu stärken und zu fördern. Kultur verträgt keinen Stillstand.
Dr. Glaser, einer ihrer Amtsvorgänger, hat im Stadtmagazin „Plärrer“ (Nr. 8, S. 30 u. 31) den Wahlprogrammen der Parteien zum Stichwort „Kultur“ Ideenlosigkeit attestiert. Trifft das auch auf die Kulturpolitik in Nürnberg zu?
Hermann Glaser nimmt zu Recht die Kultur-Programme der Parteien zur Bundestagswahl kritisch unter die Lupe. Nürnberg steht allerdings vor ganz anderen Herausforderungen. Die schwierige Finanzlage der Stadt wird uns im Herbst mit Sicherheit eine Diskussion bescheren mit dem Motto: Wie viel Kultur kann sich die Stadt (noch) leisten?. Ich würde mich sehr freuen, wenn diese bevorstehende Diskussion von allen Kulturverantwortlichen und den Medien ganz offensiv und selbstbewusst geführt werden würde.
Welche Platten/CDs würden Sie auf die sprichwörtliche „Insel“ im Reisegepäck mitnehmen wollen?
Angesichts der Fülle meiner CD-Sammlung fällt eine Beschränkung natürlich schwer... Wenn’s denn sein muss, sollten auf jeden Fall dabei sein:
Arvo Pärt: „Tabula Rasa“ (A. P. ist Lette, 1935 in Tallin geboren, 1980 nach Israel emigriert. Die Besonderheit bei dieser CD ist das Zusammenspiel von Keith Jarrett und Gidon Kremer.)