Colosseum Schallplatten

Die Traumfabrik oder wo sich Igel und Hase gute Nacht sagen


Das Zitat „Denk ich an Deutschland in der Nacht, bin ich um meinen Schlaf gebracht“ aus Heinrich Heines „Deutschland ein Wintermärchen“ könnte aus seinem ernsten geschichtlichen Zusammenhang gerissen und flapsig auf Nürnberg gemünzt lauten: „Denk ich an Nürnberg in der Nacht, fordert der Schlaf sein Recht mit aller Macht“
Nürnberg, die fränkische Metropole der bierseeligen Bratwurstorgien, die Stadt der mit Christkindlesflitter überzuckerten Lebkuchen, die allenfalls auf Albrecht Dürer hinweisen kann, um ihren Ruf als größtes Deutsches Kuhdorf zu dementieren, wurde nicht umsonst in drei aufeinanderfolgenden Jahren im Spiegel zur langweiligsten Großstadt Deutschlands gekürt.
Aber Stop: Genug der stereotypen Klischees. Nürnberg hat weitaus mehr zu bieten, als sich so mancher vorzustellen vermag. Drei Kilometer südöstlich des Stadtzentrums, im Kolosseum, dem steingewordenen Größenwahnsinn eines Adolf Hitlers, hat sich ein Plattenlabel eingerichtet, das der fremdenfeindlichen Vergangenheit zum Trotz gerade international operiert. Colosseum Schallplatten wurde bereits 1946 als Tochtergesellschaft der Nürnberger Symphoniker gegründet. Ein Hauch von Hollywood umwehte seitdem den monumentalen Rundbau. Schließlich wurde hier Filmmusikgeschichte geschrieben. So dirigierte dort in den 50er Jahren der mehrfache Oskarpreisträger Miklós Rózsa einige Filmmusikkompositionen, die zu zeitlosen Klassikern wurden. Angefangen bei Quo Vadis bis hin zum Dschungelbuch wurden hier Soundtracks eingespielt, die jedem von uns noch heute im Ohr klingen. Eine gewisse Aufbruchstimmung muss damals geherrscht haben, ein fruchtbarer Nährboden für ungewöhnliche Konstellationen, wie die noch immer einzigartige Verbindung aus Tonstudio, Schallplattenfirma und Symphonieorchester. Ein Erfolgskonzept, wie die wachsenden Produktionsaufträge aus den USA von MGM, Ampex, Decca und Capitol bewiesen.
Der Weg zum führenden Soundtracklabel war geebnet. Was selbst ein bisschen nach kitschiger Hollywood Erfolgsstory von der Sorte „durch ehrliche Arbeit vom Tellerwäscher zum Millionär“ klingt, wird bei Colosseum Schallplatten zur Realität. Heute durch die erfolgreiche Zusammenarbeit mit dem größten unabhängigen Filmmusik-Produzenten der USA, Varèse Sarabande Records, dessen Titel es für den gesamten europäischen Markt produziert und vertreibt, zum Soundtrack-Giganten mutiert, kann es sich sogar eines heißbegehrten Grammys rühmen. 1992 gewann die Produktion „Symphonic Hollywood“ mit dem Hauptthema von „Beauty und the Beast“ den Grammy in der Kategorie „Best Pop Instrumental Performance“.
Überhaupt liest sich der Filmmusik-Katalog von Colosseum Records wie ein Who-is-who der weltberühmtesten, preisgekrönten Komponisten – Róska, Goldsmith, Williams, Bernstein - um nur einige zu nennen. Nahtlos reihen sich auch die größten Verkaufserfolge des Labels in diese Aufzählung von Superlativen, unter denen Soundtracks zu Kassenschlagern wie Basic Instinct, Blue Velvet, Matrix oder auch Star Wars zu finden sind.
Hollywood made in Nürnberg. Wer hätte das gedacht?

Susanne Meyer

(Quelle: Zentralnerv Ausgabe 094)