Szene Schwabach

Ein Portrait

Es tut sich etwas in der Goldschläger-Stadt - und dies seit Monaten. Die Musik-Szene in der 38.000-Einwohnerstadt vor den Toren Nürnbergs boomt im Innern, die Öffentlichkeit hat es aber noch nicht so recht wahr genommen. Rock im Park, Bardentreffen und andere Events in Nürnberg, das New Orleans-Festival in Wendelstein, die rührige und emsige Kulturfabrik-Szene in Roth - da blieb zuletzt wenig Luft und Raum für die (Pop-)Kultur in Schwabach.
Dabei hat sich in den letzten Monaten eine edle Szene entwickelt. Zwischen Neutor-, Friedrich- und Nürnberger Straße. Die Locations heißen überwiegend "Lichtspielhaus", "Markgraf", das "Pub" in der Bachgasse oder "Gaswerk". Räumlichkeiten mit einer Kapazität zwischen 150 und 500 Plätzen. Zählt man noch den Markgrafensaal (rund 800 Plätze) hinzu, fehlt es im Altstadtbereich nicht an geeigneten Spielorten.
Beispiel Gaswerk: Ein Unterhaltungs-Betrieb, von einem Architekten-Ehepaar geführt, der mit einer breiten Palette aufwartet. Von Kabarett, Kleinkunst, bis hin zu Lesungen oder klassischen Auftritten reicht das Angebot. Künstler aus der Stadt haben ebenso Möglichkeiten sich zu entfalten wie Künstler aus dem Umland, aus Nürnberg oder weiter weg.
Beispiel Markgraf: Älteste Szene-Kneipe der Stadt, feiert am 25. September 25-jähriges Jubiläum mit dem bayerischen Reggae-Barden Hans Söllner (so ist es jedenfalls geplant) und kann auf eine Reihe guter Konzerte verweisen. Die NC Brown-Band gastierte früher und begann ihre Karriere dort, Willy Michl gab dort bereits mal ein gigantisches Gastspiel. Zuletzt trat dort vor ausverkauftem Haus der Stanz'l-Sänger "Rory der Hexer" im Verbund mit dem fränkischen Dialekt-Akrobaten Sven Bach aus Zirndorf auf. Ende des Jahres präsentierten die "Waikiki Beach Bombers" dort auch ihre neue CD "Hularama". Eine Reihe von Konzerten ist für 2003 vorgesehen. Vorteil: Club-Atmosphäre mit kleiner aber feiner Bühne, hinzu kommt der Enthusiasmus von Wirt Basti Kolb. Vierzehntätig treten darüber hinaus donnerstags die Schwabacher Combo "Unit 7" auf. Edles Soul-Jazz-Schmuse-Gebräu mit garantiert hohem Unterhaltungswert. Eine Formation, die sich zwischen Theke und Übungsraum entwickelte und zur "Markgraf"-Hausband mutierte.
Beispiel "Pub": Die Waikikis hatten dort ihre ersten musikalischen Gehversuche, der Country-Psycho-Rock-Ableger "Smokestack Lightinin'" tritt im Pub bei Alex Wuzel regelmäßig auf. Besucher-Kapazität: 100 Personen. Mutzel veranstaltet im Sommer Nena mit ihren 99 Luftballons. Allerdings nicht in Schwabach, sondern bedauerlicherweise in Rednitzhembach, da dort die Behörden unbürokratischer zu Werke gehen. Meint Mutzel.
Beispiel Lichtspielhaus: Im Kellergewölbe tritt Roland Laschinger, alias Dr. Knotz, regelmäßig auf. Meistens donnerstags. Der frühere Versicherungsvertreter tauschte Anzug und Schreibtisch mit der Gitarre, kam über Willy-Michl-Stücke weiter zum Blues. Der 39-Jährige zaubert mit diversen Formationen unterschiedliche Stilrichtungen aus dem Ärmel: Ganz stark schlüpft Dr. Knotz ins Gewand von Tom Waits. Klingt dem amerikanischen Underdog und Schauspielspieler-Kauz mehr als ähnlich. Schreit, krächzt, wütet, leidet an der Klampfe, dass einem die Haare und Bartstoppel zu Berge stehen. Daneben sorgte auch die Rockband "Spellbind" in jüngster Zeit für Aufsehen, eine CD ist in Vorbereitung.
Nicht zu vergessen, dass die "Truffauts" in Schwabach ihre Wurzeln haben, dass "The Gaffers" mit Sänger und Gitarrist Bernd Klaus in der Goldschlägerstadt beheimatet sind, dass die NC Brown Band mit Sänger Reinhold Engelhardt groß aufstieg in der fränkischen Musik-Szene, mit Mike Kuhn und Fee Kuhn, dass Gruppen wie die "Paul Bullerjahn's Combo" exotische Auftritte hatten oder einst Wast Puchner mit der legendären Sheriff-Schröder-Band und dem späteren "Ungummi Orchester" in Schwabach begann und danach zur regionalen Bedeutung emporstieg. Unvergessen aber auch jene Band in den 70ern um Mike Neumann, die mit ihrem Glamour-Rock für Furore sorgte. Mit Plateau-Schuhen, Glitzer-Fummel und langen Haaren die Bürger verschreckten und ähnlich gut wie die frühen "Rocky Musi" oder David Bowie spielten und sangen: Die "Meyers Music Box".
"Music will never die" - auch nicht in Schwabach, trotz massiver Event-Einengung durch Nürnberg, Wendelstein und Roth. Außerdem tritt in Schwabach gelegentlich auch der OB Hartwig Reimann auf. Zumindest in diesem Punkt liegt Schwabach musikalisch vor den anderen.

MICK MAY

(Quelle: Zentralnerv Ausgabe 105)