Ian Anderson - Flötentöne gegen die Ignoranz

Ein Studio-Gespräch mit Ian Anderson / Jethro Tull
Der Mann, der der Rockmusik die Flötentöne beibrachte, verbringt zwischen seinen Jethro Tull-Terminen seine Zeit derzeit oft mit Leslie Mandoki in den Park Studios von Tutzing. So feilte Ian Anderson im Februar einmal mehr an den Werken der jüngsten All-Star-Produktion „Soulmates“ mit so illustren Kollegen wie Al Di Meola oder Bill Evans. Helmut Ölschlegel beobachtete ihn bei der Arbeit und führte mit ihm ein Gespräch im Vorfeld der Tournee 2003 „Living With The Past“, die ihn am 28.06. auch nach Bamberg ins Forum führt.



Hektisches Treiben herrschte im Tonstudio, als die Arrangements für einige Auftritte der “Soulmates” neu überarbeitet wurden. Der frühere Kopf der Disco-Truppe Dschingis Khan, Leslie Mandoki, der die oberflächliche Pop-Bühne längst verlassen hat und sich mittlerweile anspruchvolleren Aufgaben widmet, zieht dabei souverän die Fäden im Netz seines ambitionierten All-Star-Projekts. Währenddessen erläutert der Flötist und Sänger von Jethro Tull, Ian Anderson, seinem Kollegen an der Gitarre, Al Di Meola, die Phrasierung einer Partitur auf dem Notenständer. In fast wortlosem Verständnis greift dazu im Hintergrund der ehemalige Saxophonist von Miles Davis, Bill Evans, die Flötentöne des Rockmusikers auf und bringt ihnen unprätentiös virtuosen Jazz bei. “Es macht Spaß, zwischendrin auch einmal mit anderen – noch dazu solch hervorragenden – Musikern zusammen zu arbeiten, mich von anderen Stilrichtungen inspirieren zu lassen und so stets dazuzulernen,” erklärt ein sichtlich begeisterter Ian Anderson nach getaner Arbeit um Mitternacht an der Hausbar. “Es ist notwendig, ein Leben lang zu lernen, nicht stehen zu bleiben und sich stets weiterzuentwickeln.”

“Wir leben nicht in der Vergangenheit, sondern mit ihr”

Trotz stundenlanger konzentrierter Arbeit wirkt Anderson ausgeglichen und erklärt dies mit der inneren Zufriedenheit nach solch einem ereignisreichen Tag: “Auch wenn wir intensiv gearbeitet haben, zwischendrin noch Fernseh- und Fotoaufnahmen gemacht werden, überwiegt die innere Befriedigung darüber, etwas geleistet zu haben. Leslie versteht es, all die verschiedenen Charaktere konstruktiv zusammenzubringen. ”Sogar eine neue interessante Fassung des Tull-Klassikers “Lokomotive Breath” mit Bill Evans´ Saxophonsoli als Sahnehäubchen ist an diesem Abend dabei herausgekommen.
“Auch mit Jethro Tull spielen wir alte Stücke immer wieder in neuen Arrangements,” betont Ian Anderson. “Wir leben nicht in der Vergangenheit, sondern mit ihr und bringen bekanntes Material immer wieder in neuem Gewand. Deshalb heisst unsere aktuelle Platte und das Tourneemotto auch ´Living With The Past´, in Anlehnung an unseren bekannten Song, von dem wir mittlerweile schon das vierte Arrangement gemacht haben”. Auf die Frage, ob Jethro Tull bei den kommenden Konzerten auf ihrer geplanten Welttournee ein identisches Programm in Bezug zur Live-Platte präsentieren werden, wehrt Anderson ab: “Wir stellen unsere Setlist stets um. Songs, die wir lange nicht gespielt haben greifen wir wieder auf, andere werden durch neue ersetzt. Unsere großen Titel aber behalten wir natürlich bei, da unsere Fans enttäuscht wären, wenn sie “Aqualung” oder “Lokomotive Breath” nicht zu hören bekämen.”
Dass der Titel “Too Old To Rock´n´Roll – Too Young To Die” speziell in Deutschland oft zu Missverständnissen geführt hat, stört ihn wenig. “Auch wenn es dabei gar nicht um Autobiografisches geht, sondern um die Kurzlebigkeit von Modetrends – eine Methapher also – bringen wir auch diesen Song wieder live. Ich persönlich mache so lange Musik, wie ich Spaß dabei habe und es den Leuten gefällt. Der Tag kommt für jeden einmal, da die Sinne nicht mehr so funktionieren, wie man es sich wünschen würde, aber ich denke, ich habe noch etwas Zeit. Noch macht mir das Musizieren großen Spaß und da seit einigen Jahren meine Frau als Tourneeleiterin dabei ist und meine beiden Kinder schon groß sind, geht es auch familiär viel besser als früher.” Ian Andersons Tochter hat zu seinem Bedauern die Flöte nach der Schule wieder bei Seite gelegt, aber sein Sohn hat mittlerweile als Drummer eine eigene Band und wirkt bei den klassischen Orchester-Solo-Werken des Vaters aktiv mit.

“Gegenüber Blair war Thatcher ja nur eine harmlose Pussycat”

Die Sorge um die weitere soziale und politische Entwicklung unseres Planeten beschäftigt den auf seinem Landsitz in der Nähe Londons auch sehr häuslichen Familienvater und ambitionierten Lachs-Farm-Unternehmer in Schottland ebenfalls stark: “Bereits 1995, lange vor dem ominösen 11. September 2001, habe ich den Titel “Roots To Branches” geschrieben, der die Radikalisierung religiös motivierter Eiferer anprangert.” Religionsgemeinschaften können den Radikalismus nach Ansicht Ian Andersons jedoch nur aus sich selbst heraus mit Unterstützung der eigenen positiven Kräfte überwinden, die in jeder Weltreligion stecken. “Bomben auf unschuldige Menschen zu schmeißen halte ich für ein Verbrechen. Es kann völkerrechtlich nicht angehen, einem Land den Krieg zu erklären mit dem Ziel die Regierung zu stürzen, die nur von einer kleinen herrschenden Minderheit gebildet wird. Krieg löst ohnehin keine Probleme, vergrößert sie nur. Das geht so nicht gut und ich schäme mich in diesem Zusammenhang für meine Regierung. Gegenüber Blair war Thatcher ja nur eine harmlose ´Pussycat´!”
Nachdem sich der Rock-Flötist zunächst zu politischen Fragen gar nicht äußern wollte, zeigte er sich dann aber doch sehr engagiert bei diesem Thema, obwohl ihm bewusst sei, mit Musik an der Ignoranz mancher Menschen kaum etwas ändern zu können und schon gar nicht, ihnen entsprechende Flötentöne beibringen zu können.
Allem Genuss im Übermaß, insbesondere Drogen und Alkohol gegenüber, zeigte sich der humorvolle Brite schon immer völlig abgeneigt, obwohl er ganz gerne mal ein Bier trinkt. Meine Empfehlung, in Bamberg ein Rauchbier zu probieren, nahm er gerne an. “Ich liebe dunkles Bier und ein geräuchertes macht mich neugierig!”
Zwar reisen die Techniker der Gruppe und die ganze Crew mit dem Bus, doch bevorzugt Ian Anderson zusammen mit seiner Frau und den anderen Bandmitgliedern die Eisenbahn. “Ich liebe es mit dem Zug zu reisen! Da kann man Land und Leute kennen lernen, etwas lesen, arbeiten oder im Abteil umhergehen. Insbesondere die deutsche DB-Internetseite ist vorbildlich gestaltet, da kann ich die Bahnverbindungen zwischen den Tourorten immer gut vorplanen!”
Bleibt zu hoffen, dass es am 28. Juni keine Verspätungen gibt, wenn Jethro Tull das Bamberger Forum zu ihrem Konzert beehren – der Vorverkauf hat bereits begonnen.
Helmut Ölschlegel


(Quelle: Zentralnerv Ausgabe 106)